Späte Postorte

Glücksgefühle der Philatelisten, wenn sie einen lange gesuchten Beleg oder einen seltenen Stempel unverhofft finden, kann man sicher verstehen. Dies sind, wie immer im Leben, Sternstunden, die man nicht vergessen kann.

Wird auf einer Auktion nach langem Bieterkampf ein Ersttagsbrief der klassischen Philatelie schließlich teuer zugeschlagen als man sich dies trotz nachdenklichen Abwägens aller Vernunftgrenzen vorgestellt hatte, bleibt beim Betrachten eines solchen Briefes immer ein leicht bitterer Geschmack zurück. Nur langsam erkennt man, dass der Stolz des Besitzers und eine mögliche Anerkennung auch der stetig vorhandenen Neider einen Überpreis rechtfertigen können.

All diese „tiefgründige, philatelistische Philosophie“ stellt sich nicht, wenn man einen Ersttagsbrief findet unter vielen ähnlichen „normalen“ Briefen. Dies bleiben aber die seltenen Sternstunden im Leben eines Sammlers.

Es gibt noch eine andere Möglichkeit, glücklich zu werden. Über einen solchen Ersttagsbeleg wollen wir uns heute unterhalten.

Ein Baden-Brief zierte das Titelblatt eines Auktionskataloges. Er war als Ersttagsbrief beschrieben und nicht billig, aber sein wirklicher Wert – sein „innerer“ Wert – war deutlich höher. Dieser Brief wurde fast nicht erkannt oder besser anerkannt, denn es fand kein Bietergefecht statt, was ich mit Sicherheit erwartet hatte!

Mein Freund fuhr zur Auktion, (unterhielt sich wahrscheinlich mit den anderen Badensammler, und einigte sich bestimmt vorher), gab ein Untergebot ab, und seither ist dieser Brief das Titelblatt seiner Baden-Spezialsammlung „Späte Postorte“.

Dies soll unser Thema sein, und Sie werden erkennen, warum dieser Brief so selten ist. (Bild 1).

SpaetePO_1 Bild 1
 

Als in Baden 1851 die ersten Freimarken (so nannte man die Briefmarken damals vor 150 Jahren) erschienen, existierten 163 Postexpeditionen und der Bahnpostbetrieb mit all den „mobilen“ Stempeln der Nummer 164.

Im Laufe der Jahre wurden Postexpeditionen geschlossen, die Nummerstempel neuen, stärker frequentierten Postexpeditionen zu geteilt, sowie weitere Expeditionen eröffnet, bis der letzte Nummernstempel 177 erschien.

Am 1. Mai 1859 wurde die regelmäßige Postbeförderung auch auf die Landgemeinden erweitert. Die Postladen (Landbriefkästen) wurden eingeführt (Verordnungsblatt XIII vom 5. April 1859). In diesen Postladen befanden sich Uhrrad-Stempel mit den fortlaufenden Nummern des jeweiligen Landpostbereiches.

Danach, am 1. Januar 1864, wurden die ersten Postablagen (Verordnungsblatt LXXXII vom 28. Dezember 1863), die einer Postexpedition dieses Bezirkes untergeordnet waren, eröffnet und mit den bekannten Postablagestempeln versehen.

In den letzten Jahren der Großherzoglich-Badischen Posthoheit haben sich nicht nur die ökonomischen Verhältnisse und die industrielle Entwicklung deutlich ausgeweitet, auch der Postverkehr hat sich entsprechend vergrößert. So wird es verständlich, dass einige Postablagen zu Postexpeditionen erhoben wurden, und diese neu entstandenen Postexpeditionen bezeichnen Baden-Sammler als „Späte Postorte"“. Diese neu eröffneten Postexpeditionen erhielten Ortsstempel, keine Nummernstempel, da diese längst abgelöst waren durch Ortsstempel.

Das Komplettieren dieser „Späten Postorte“, den letzten Expeditionen mit ihren typischen Badischen Stempeln, ist auf Ausgaben der Badischen Freimarken äußerst reizvoll, aber auch sehr schwierig. Wenn man dazu noch Markenbriefe sucht, wird diese Sammlung zu einem Lebenswerk!

So ist es auch verständlich, dass dieses Sammelgebiet noch auf die ersten Ausgaben des Deutschen Reiches ab 1872 ausgedehnt werden kann, da die Postexpeditionen der „Späten Postorte“ mit ihren Badischen Stempeln weiterhin bestanden, bis diese durch die folgenden Stempel der Reichspost ersetzt wurden.

Man kann die Badischen Stempel an der fehlenden Jahreszahl erkennen, manchmal auch noch leichter am Badischen Wappen im Stempel. Man sollte sich aber zuerst mit der Postgeschichte Badens intensiv beschäftigen, bevor man die Feinheiten erkennen kann.

Langsam kommen wir unserem Ersttagsbrief näher!

Stempelsammler wissen, dass die Belege der zuletzt am 1. Dezember 1871 eröffneten Postexpeditionen mit eigenen Stempeln besonders gesucht und selten sind, waren es noch nur vier Wochen bis zum 31. Dezember 1871, dem Letzttag der Großherzoglich-Badischen Posthoheit. Das Postaufkommen gerade dieser Orte war noch relativ klein. Gut leserliche, volle Stempel auf Einzelmarken der letzten Ausgabe Badens 1868 sind gesuchte Stempelraritäten, Briefe, oft nur an einer Hand abzählbar.

Betrachten wir unseren „Titelbrief“:

Ortsstempel Birkendorf (ein „Später Postort“, eröffnet am 1. August 1871) und das Datum: 1. Januar! Es ist völlig klar - Ersttag 1. Januar 1872 - der erste Tag der Ausgaben des Deutschen Reiches.

Der Brief wurde am letzten Tag (31. Dezember 1871) mit einer Badischen drei Kreuzer-Freimarke frankiert und in Uehlingen - Postablage von Thiengen - der Post übergeben, nach Birkendorf, der nächstgelegenen Postexpedition, geleitet, dort am Neujahrstag abgestempelt und in einen kleinen Ort Amertsfeld, nördlich von Birkendorf, unbeanstandet befördert. (Das letzte galt nur für Briefe, die am Morgen des 1. Januars 1872 bei der ersten Leerung in den Briefkasten vorgefunden wurden.)

Es ist nicht nur ein seltener Briefbeleg auf Badischer Freimarken-Ausgabe dieses späten Postortes, sondern ein Ersttagsbrief des Deutschen Reiches und der einzige, mir bekannte Beleg einer einwandfreien Verwendung Badischer Freimarken noch zur Zeit der begonnenen Reichspost. Ein herrlicher, schöner, seltener Brief.

Bleiben wir noch bei diesem Postort Birkendorf, um die Stempelentwicklung zu dokumentieren.

Mit Bild 2 zeige ich Ihnen einen Beleg aus den Jahren vor 1871.

SpaetePO_2 Bild 2
 

Nachdem auch im verkehrsschwierigen Hochschwarzwald neben dem Postladen (Briefkasten) im Landpostbereich auch die Postablagen eröffnet wurden, war Birkendorf die Postablage der Postexpedition Bonndorf. Einige Kilometer entfernt liegt Grafenhausen, ebenfalls eine Postablage von Bonndorf.

Es ist nicht so häufig, dass zwei Postablagen auf dem Leitweg eines Briefes abgeschlagen wurden, aber auf unserer Ganzsache ist es schön dokumentiert, dass es eben auch eine übergeordnete Postablage gab: der Brief aus Grafenhausen wurde nach Birkendorf spediert und in der Postexpedition Bonndorf bearbeitet zur Beförderung nach Kippenheim. Ein kleiner Hinweis, dass Birkendorf bedeutender war und später zur Postexpedition erhoben wurde.

Lassen Sie mich noch einen weiteren interessanten Aspekt mit einem dritten Beleg kurz skizzieren:

Ein Ähnlich seltener „Später Postort“ ist Helmstadt. Briefbelege aus Badischer Zeit sind mir bisher nicht bekannt. Briefbelege aus der Reichspostzeit mit den Brustschild-Ausgaben sind schwierig zu finden. Was macht den in Bild 3 gezeigten Brief doch zu einer großen Seltenheit?

SpaetePO_3 Bild 3
 

Sind schon einige „Späte Postorte“ auf Briefen und Badischen Freimarken-Ausgaben sehr schwer zu bekommen, so dürften Postablage-Stempel von Postexpeditionen der sehr spät eröffneten „Späten Postorte“ (1. Dezember 1871) fast unerreichbar erscheinen.

Helmstadt war eine solche späte Postexpedition. Es ist mir immer noch nicht erklärbar, warum vier Wochen vor Ende der Badischen Posthoheit im Bereiche von Helmstadt noch vier badische Postablagestempel eingeführt wurden: Bargen, Flinsbach, Wollenberg, die bisher der Postexpedition Neckarbischofsheim zugeordnet waren, und Siegelsbach -ein Stempel der unter der Expedition Rappenau bisher zu finden war.

Von dieser Postablage waren Belege Postablage Helmstadt-Siegelsbach bisher nur ein Brief aus der Reichspostzeit 1872 bekannt, den zweiten sehen Sie in der Bild 3.

Nicht nur Ersttagsbriefe können einen Sammler faszinieren, auch „die letzten Feinheiten“ interessanter Stempel lassen Sternstunden erklären, wenn man diese Belege in einer „Krabbelkiste“ finden könnte. Dies war früher wohl ab und zu der Fall, heute - mit der Möglichkeit der vielfältigen Literatur, Computerarchivierung und deren schneller Abfrage-Möglichkeit - wird Suchen und Sammeln immer schwerer.

Ist es aber nicht doch wahr: alles was man nicht mit Geld, Geduld und Wissen schnell erreichen kann, bleibt immer begehrungswert, so auch die Stempeldokumentation Badischer Postorte.

Dr. Heinz Jaeger, Lörrach, den 7. August 1996

Sehr seltene Belege meiner Sammlung: „Späte Postorte“

Die am 1. August eröffneten Postexpeditionen:

FDC: 1. August 1871 vom Bürgermeisteramt Sandhofen als Nachnahme in Käferthal aufgegeben. Gebühren für Briefe bis 15 Loth unbegrenzt in Baden mit einer Provision bis 1 Gulden von einem Kreuzer. (Bild 4)

SpaetePO_4 Bild 4
 

SpaetePO_5 Bild 5
 
13. Oktober 1871, Neufreistedt.

SpaetePO_6 Bild 6
 
9. August 1871, Odenheim.

SpaetePO_7 Bild 7
 
4. November 1871, Oestringen.
Mit dem Tarif vom 23.11.1867 bis 1 Loth für Fernbriefe in den Postgebieten des Norddeutschen Bundes und Vertragsstaaten: 3 Kreuzer.

SpaetePO_8 Bild 8
 
8. November 1871, Reilingen

SpaetePO_9 Bild 9
 
Errichtet am 16. September 1871
28. Dezember 1871, Ihringen

SpaetePO_10 Bild 10
 
Errichtet am 1. Dezember 1871
29. November 1871, Murg als bekannt wurde, dass die Expedition eröffnet wurde, hat man schon am 29.11. ein Billetstempel der Eisenbahn benutz um die Freimarken zu entwerten. Es ist der einzig registrierte Brief, zwei Tage vor dem Öffnungstag.

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1. Dezember 1871, der erste Tag der Eröffnung von Sankt Ilgen.